Genügsamkeit
Genügsamkeit (frz. Sobriété) ist ein Lebensprinzip, das individuelles Verhalten in einen Rahmen der Konsumbeschränkung stellt. In der Landwirtschaft betrifft dieses Prinzip alle Akteure und Akteurinnen des Ernährungssystems, von Produzent/-innen (einschliesslich der Zulieferung) bis zu den Konsument/-innen.
Auf der Angebotsseite impliziert Genügsamkeit einen sparsameren Umgang mit Produktionsressourcen. Dies geschieht insbesondere durch den reduzierten Einsatz fossiler oder synthetischer Betriebsmittel und deren Ersatz durch Ökosystemdienstleistungen (z. B. Stickstofffixierung durch Leguminosen, reduzierte Bodenbearbeitung oder die Erzeugung erneuerbarer Energie durch Biogas). Auf Betriebsebene geht die agrarökologische Genügsamkeit über eine reine Effizienzsteigerung hinaus. Auf Ebene des Ernährungssystems zielt sie darauf ab, die Auswirkungen der Vertriebswege durch die Bevorzugung regionaler Märkte zu verringern.
Auf der Nachfrageseite steht Genügsamkeit im Gegensatz zu Konsumdenken und der „Unersättlich-keit“ von Bedürfnissen. Ein genügsames Leben bedeutet einen Konsum, der auf das Mass reduziert ist, das der Einzelne als ausreichend für seine Grundbedürfnisse identifiziert. Es geht also nicht nur um die Vermeidung von Verschwendung, sondern auch um den Verzehr saisonaler Produkte, den lokalen Einkauf oder die Umstellung der Ernährung (z. B. Reduzierung tierischer Proteine gemäss den Empfehlungen für eine nachhaltige Ernährung).
Die Kopplung von Angebot und Nachfrage unter dem Aspekt der Genügsamkeit ist eine Herausforde-rung, da die Produzent/-innen die wesentlichen Bedürfnisse der Konsument/-innen berücksichtigen müssen. Diese Herausforderung hat eine politische Dimension, da Genügsamkeit einen alternativen Entwurf zum Dogma des Wirtschaftswachstums erfordert. Sie stützt sich auf eine Philosophie der Einfachheit, der Geselligkeit und des Wohlbefindens statt des Mehr-Besitzens. Auf gemeinschaftlicher Ebene ist sie multifunktional und ermöglicht die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse nach Existenzsicherung, Emanzipation, sozialen Beziehungen und Lernen.

Weitere Informationen
Cezard F., Mourad M. 2019. Panorama sur la notion de sobriété : définitions, mises en œuvre, enjeux. Rapport final, ADEME, 52 p.
EAT. 2020. Diets for a Better Future: Rebooting and Reimagining Healthy and Sustainable Food Systems in the G20. EAT Report, 39p.
Illich I. 1973. La convivialité. Editions du Seuil, Paris. 160p.
Pijuan B. 2019. Sobriété et décroissance : Redonner un sens à la vie. Libre & Solidaire,Paris. 280p. ISBN : 2372630628


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